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WIE DIE DAMEN – SO DIE HERREN !

Team-Weltmeisterschaften in Chengdu (30. September bis 9. Oktober) > Bravouröse Aufholjagd gegen Frankreich sichert Halbfinaleinzug und WM-Medaille <

MW-Debütant Kay Stumper leitet die Wende ein (c) DTTB

CHENGDU. (CHN) (MS) Um 7.42 Uhr MESZ fielen erst eine tonnenschwere Last und dann sein Schläger zu Boden, ein glückliches und zufriedenes Lächeln trat in das zuvor angespannte Gesicht und Bruchteile von Sekunden später stürmten seine Teamkollegen Dang Qiu, Kay Stumper, Ricardo Walther, Fanbo Meng und Bundestrainer Jörg Roßkopf in die nun weit geöffneten Arme von Benedikt Duda. Mit einem 3:0-Erfolg über Felix Lebrun ließ der Bergneustädter nach fast zweidreiviertelstündiger Spielzeit den Traum der Herren-Nationalmannschaft von einer WM-Medaille wahr werden. Wie am Vortag Deutschlands Damen machten am Freitagmorgen auch die Männer durch eine bravouröse Aufholjagd gegen Frankreich ihren Einzug in das Halbfinale der Team-Weltmeisterschaften in Chengdu perfekt. DTTB-Präsidentin Claudia Herwig bejubelte den Sieg der deutschen Mannschaft aus der Ferne: „Da fällt mir nur ein: Bravo, Männer! Das war eine unfassbare Teamleistung. Es freut mich besonders für diese Mannschaft, dass sie bis zum Ende an den Sieg geglaubt hat und dafür belohnt wurde. Allen fünf Spielern, Rossi als Bundestrainer und dem Betreuer-Team drumherum einen dicken Glückwunsch!“

Der 19 Jahre alte WM-Debütant Kay Stumper leitet die Wende ein

In der Neuauflage des mit 3:1 gewonnenen Gruppenspiels gegen Frankreich lag das deutsche Trio bereits mit 0:2 im Rückstand, als Kay Stumper an Position drei gegen Jules Rolland in bemerkenswerter Manier den Anschlusspunkt erzielte. Nach der vor allem mental beeindruckenden Leistung des 19-jährigen WM-Debütanten glich sein Düsseldorfer TTBL-Teamkollege Dang Qiu durch einen Vier-Satz-Erfolg gegen Alexis Lebrun im Duell der Einser aus. Den Schlusspunkt setzte Benedikt Duda gegen Felix Lebrun. In seinem ersten Aufeinandertreffen mit dem 16-jährigen Penholder-Akteur und jüngeren Bruder von Alexis Lebrun ließ der zweifache Team-Europameister Duda beim 3:0 keinen Zweifel an seiner Überlegenheit und sicherte seiner Mannschaft verdient die WM-Medaille.

Für Deutschlands Herren ist es der zwölfte Einzug in ein WM-Halbfinale nach bislang sechsmal WM-Silber und fünfmal Bronze. Erst zweimal zuvor konnten die Damen und die Herren parallel Edelmetall bei Weltmeisterschaften gewinnen: 2010 in Moskau holten die Herren Silber, die Damen sensationell Bronze, 1997 in Manchester belegten beide Mannschaften Platz drei. Der Halbfinalgegner des deutschen Herren-Quintetts (Samstag um 5 MESZ) ist Südkorea, das in der Runde der besten Acht Hongkong mit 3:1 in Schach hielt. In den beiden anderen Viertelfinalpartien stehen sich China und Schweden sowie Japan und Portugal gegenüber. Führungsspieler Dang Qiu sagte nach dem Triumph erleichtert: „Das sah am Anfang alles andere als gut für uns aus. Es war einfach sehr stark, wie wir das am Ende noch gedreht haben. Wir freuen uns jetzt zwar, eine Medaille sicher zu haben, aber für uns ist die Reise noch lange nicht vorbei: Im Halbfinale gegen Südkorea geben wir morgen wieder Vollgas!“

Jörg Roßkopf: „Die Medaille ist Wahnsinn, aber wir wollen weiter“

Spielerisch können wir uns sicher weiter steigern, aber kämpferisch war es eine super Leistung von uns“, sagte Bundestrainer Jörg Roßkopf nach dem Krimi. „Wichtig war, dass wir nach dem 0:2 drangeblieben sind. ‚Benne‘ hatte schon eine Megachance gegen Alexis Lebrun und Dang hat gegen einen heute unfassbar guten Felix Lebrun verloren. Die Mannschaft hat jedoch immer weiter an sich geglaubt und fantastisch gekämpft. Kays großartige Leistung muss man hervorheben: Er hat uns im dritten Einzel wieder zurück ins Spiel gebracht. Bei 2:2 hat das Benne gegen den jungen Felix Lebrun mit all seiner Erfahrung in einer für beide Spieler unfassbar schweren Situation ganz hervorragend gemacht und uns die Medaille gesichert.“ Nochmals Roßkopf: „Es ist auf jeden Fall Wahnsinn, dass wir eine Medaille sicher haben, aber wir wollen mit der Mannschaft natürlich im Halbfinale gegen das starke Südkorea noch weiter.“

Kay Stumper: „Sehr froh, dem Druck standgehalten zu haben“

WM-Debütant Kay Stumper war es, der Deutschlands Hoffnungen auf den zwölften Vorstoß in ein WM-Halbfinale wieder neue Nahrung gab. Der 19 Jahre alte Düsseldorfer besiegte auf Position drei Jules Rolland, gegen den er zuvor eine 1:3-Bilanz zu Buche stehen hatte, trotz verlorenen ersten Durchgangs noch deutlich mit 9:11, 11:6, 11:6 und 11:4. Stumper, der nach Ricardo Walthers unerwarteter Einzelniederlage gegen Indien für das wichtige Gruppenspiel gegen Frankreich ins kalte Wasser geworfen wurde, bedankt sich für das Vertrauen bislang mit bemerkenswerten Leistungen.

Auf den U19-Europameister war auch heute wieder zu hundert Prozent Verlass. Dem auf seiner Position lastenden Druck hielt der Düsseldorfer nach vorausgegangenen Erfolgen über Ex-Europameister Emmanuel Lebesson (Frankreich) und den European-Games-DrittenTomislav Pucar (Kroatien) auch heute wieder nervenstark stand: „Ich bin natürlich sehr glücklich, dass ich auch mein viertes Match bei dieser WM gewinnen konnte. Es war sozusagen mein zweites K.-o.-Spiel, weil eine Niederlage ja das Aus bedeutet hätte. Deshalb bin ich doppelt froh, dass ich dem Druck standhalten konnte. Mein Gegner war natürlich mit der 2:0-Führung seiner Mannschaft im Rücken von Beginn an heiß und hat den ersten Satz gewonnen. In diesem Moment habe ich noch mehr Druck verspürt. Ich habe mich dann aber gut in das Spiel hineingekämpft. Ich habe jederzeit fest daran geglaubt, dass wir nach meinem Anschlusspunkt noch das gesamte Match gewinnen können. Ich bin sehr glücklich und stolz, dass wir nun eine Medaille haben.“ Ein Sonderlob erhielt der Teenager von Bundestrainer Jörg Roßkopf: „Für Kay war es eine unfassbar schwere Situation: Man darf nicht vergessen, dass das seine erste WM ist, wir liegen 0:2 im Match um eine Medaille zurück und er muss gegen einen Spieler an den Tisch, gegen den er das letzte Mal verloren hatte. Dann gewinnt er trotzdem das Spiel und am Ende sogar souverän. Respekt!“

Dang Qiu: „Ich wusste, dass die Karten nach dem Ausgleich neu gemischt waren“

Der Weltranglistenneunte Dang Qiu besiegte anschließend im Duell der Spitzenspieler den 19 Jahre alten Alexis Lebrun mit 12:10, 11:5, 9:11 und 11:7, nachdem er zuvor in seinem ersten Einzel bei seiner Vier-Satz-Niederlage gegen dessen drei Jahre jüngeren Bruder Felix keine wirklichen Mittel gefunden hatte. Zu seiner Leistung in seinem Auftakteinzel gegen Frankreich sagte Dang Qiu: „Vor allem nach dem ersten Spiel hatten die Franzosen das Momentum auf ihrer Seite. Felix ist unglaublich gut gestartet. Ich habe lange gegen keinen Gegner mehr gespielt, der gleich zu Beginn so gut ist. Am Ende war es schade, dass ich den ersten Satz nach 10:9 nicht gewonnen und auch den zweiten knapp verloren habe. So konnte er aus der komfortablen Position einer 2:0-Führung weiterspielen. Er hatte in der Vorrunde gegen mich verloren und hat deshalb jetzt noch freier aufgespielt. Ich kann mir selbst keinen Vorwurf machen: Ich habe alles probiert, aber er war heute der bessere Spieler.“ Auch der 25 Jahre alte Mannschaftsleader Qiu lobte den anschließenden Auftritt des sechs Jahre jüngeren Stumper bei dessen WM-Premiere: „Er hat das super gemacht, das war natürlich lebenswichtig für die Mannschaft. Nachdem Kay das dritte Spiel gewonnen hatte, wusste ich, dass die Karten jetzt wieder neu gemischt sind. Ich wollte unbedingt den Sieg für meine Mannschaft holen, damit ‚Benne‘ im fünften Match noch einmal spielen kann. Das ist mir gut gelungen. Auch in der Vorrunde hatte ich gegen Alexis Lebrun gewonnen. Es war heute ziemlich wichtig, dass ich den ersten Satz nach 7:9-Rückstand noch geholt habe. Ich bin dann ein bisschen davon gezogen, was mir gegen Felix nicht gelungen war. Dadurch ändert sich das ganze Spiel.“

Benedikt Duda: „Der liebe Gott war heute gnädig“

Der Schlusspunkt der deutschen Aufholjagd blieb dann Benedikt Duda vorbehalten, der beim 11:6, 11:7 und 12:10 über Felix Lebrun bereits seine zweite Weltklassevorstellung an diesem Tag ablieferte. Der 28 Jahre alte Deutsche Meister von 2021 hatte zuvor äußerst unglücklich nicht zuletzt durch eine Häufung von Netzrollern und Kantenbällen nach 6:2-Führung und zwei vergebenen Matchbällen im vierten Durchgang überaus unglücklich gegen Frankreichs Nummer eins Alexis Lebrun mit 11:13 im Entscheidungssatz verloren. Nach dem verwandelten Matchball zum Medaillengewinn gegen dessen Bruder Felix kümmerte diese Niederlage den Bergneustädter aber nicht mehr: „Ich bin jetzt einfach erst einmal nur sehr glücklich. Ein Spiel bei 2:2 macht niemand gerne. Dadurch, dass wir zurückgekommen sind, wusste ich, dass das Momentum auf unserer Seite ist und die Franzosen ein bisschen angeknackst sind. Meine Formkurve ging wie gestern gegen Kroatien auch heute wieder weiter stark nach oben. Ich habe heute beide Einzel sehr, sehr gut gespielt. Gegen Alexis Lebrun hatte ich Matchbälle, aber auch etwas Pech. Aber so ist Sport, am Ende gleicht es sich immer aus: Die Netz- und Kantenbälle, die ich gegen Alexis Lebrun gegen mich hatte, kamen dann gegen Felix für mich. Da war der liebe Gott heute gnädig und hat alles gerecht verteilt.“ Duda: „Wir haben es dann am Ende noch gerissen, das ist einfach super. Gegen Südkorea wird es morgen auf jeden Fall wieder ein heißer Kampf.“

Einfach Weltklasse: WM-Medaillengewinn unter bemerkenswerten Umständen

Der Einzug in das Halbfinale unterstreicht in ganz besonderer Art und Weise die Leistungsstärke des deutschen Herren-Tischtennis. Denn noch bemerkenswerter als der WM-Medaillengewinn an sich sind die Umstände seines Zustandekommen. Bei der erfolgreichen Jagd nach Edelmetall blieben diesmal die in vielen internationalen Wettkämpfen gestählten prominenten Protagonisten der vergangenen Jahre aus guten Gründen zuhause. Das zuletzt bei den Olympischen Spielen in Tokio erfolgreiche Trio Dimitrij Ovtcharov, Timo Boll und Patrick Franziska sollte daheim Trainingsrückstände wegen Verletzungen (Ovtcharov und Boll) bzw. Vaterschaft (Franziska) in Ruhe aufarbeiten können, bevor ab der Mitte des Monats die nächsten internationalen Aufgaben anstehen.

Vor welchem Luxusproblem Bundestrainer Jörg Roßkopf Jahr für Jahr bei seinen Nominierungen steht, wird durch die WM in Chengdu noch deutlicher. Wie er davon profitiert, allerdings auch. Bei der Team-EM 2021 hatte der DTTB bewusst auf seine Stars Ovtcharov und Boll verzichtet, um auch den ehrgeizig dahinter auf ihre Chancen lauernden Spielern bei wichtigen Championaten Spielpraxis zu verschaffen. Die Mannschaft, der er in Cluj-Napoca (Rumänien) das Vertrauen schenkte, dankte es ihm mit dem souveränen Gewinn der Europameisterschaft. Im damals erfolgreichen Team standen unter anderem Dang Qiu und Benedikt Duda, auf der Bank saß zum Lernen der damals 18 Jahre alte Kay Stumper.

Dang Qiu: „Wir haben gezeigt, dass wir es können“

Ein Jahr später war es genau dieses Trio, dem Bundestrainer Jörg Roßkopf im Viertelfinale vertraute und das gegen Frankreich in der Nervenschlacht des Medaillenmatches auch dann noch an sich glaubte, als die Equipe tricolore schon auf der Siegerstraße schien. Auf der Bank feuerten der 30 Jahre alte Ricardo Walther (Grünwettersbach) und Fuldas Talent Fanbo Meng ihre Teamkollegen lautstark an. Ricardo Walther sagte nach dem Halbfinaleinzug: „Das ist einfach nur genial, dass unser Team jetzt hier eine WM-Medaille sicher hat.“ Fanbo Meng fehlten fast die Worte: „Es ist einfach unglaublich, Teil dieser Mannschaft zu sein. Wir freuen uns riesig, dass wir das Spiel noch drehen konnten.“

Spitzenspieler Dang Qiu sagte nach dem Einzug in das Halbfinale: „Deutschland ist nie zu unterschätzen, egal mit welcher Mannschaft wir kommen. Wir haben hier in Chengdu eine spielstarke Truppe mit fünf tollen Spielern am Start. Deutschland ist eine sehr starke Tischtennis-Nation mit erfolgreicher Historie und hat eine große Auswahl an Spielern. Wir haben diesmal unsere Chance bekommen und dabei gezeigt, dass wir es können. Morgen gegen Südkorea wollen wir auch ohne die drei großen Namen versuchen, in das Finale einzuziehen.“

Deutschland – Frankreich 3:2
Benedikt Duda – Alexis Lebrun 2:3 (5,4,-9,-11,-11)
Dang Qiu – Felix Lebrun 1:3 (-10,-8,6,-9)
Kay Stumper – Jules Rolland 3:1 (-9,6,6,4)
Dang Qiu – Alexis Lebrun 3:1 (10,5,-9,7)
Benedikt Duda – Felix Lebrun 3:0 (6,7,10)

Alle Ergebnisse und Ansetzungen auf der WTT-Website

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