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FAREWELL, DIANE SCHÖLER

Die Tischtennis-Welt trauert um die Grande Dame ihres Sports, die mehr als nur eine Generation inspirierte. Diane Schöler war die älteste lebende Tischtennis-Weltmeisterin

KAARST. (NRW) Diane Schöler ist am 19. Juni im Alter von 90 Jahren verstorben. „Lady Tischtennis“ gewann zwischen 1951 und 1971 bei Weltmeisterschaften 20 Medaillen, darunter 1951 und 1954 Gold im Doppel an der Seite ihrer Zwillingsschwester Rosalind Cornett, und war die älteste lebende Tischtennis-Weltmeisterin.

So, wie sie als Sportlerin und Weltmeisterin an der Seite ihrer Schwester Rosalind immer gekämpft hat – selbstbeherrscht und gelassen auch in der Niederlage – genau so hat sich Diane auch im Bewusstsein ihrer schweren Krankheit verhalten. Eberhard und ihre Kinder Cindy und Christian waren bei ihr, als sie den letzten Kampf verlor“, beschreibt Hans Wilhelm Gäb, Ehrenpräsident des Deutschen Tischtennis-Bundes, Weggefährte und enger Freund der Familie Schöler. „In Erinnerung bleiben wird sie als eine leichtfüßige und elegante Meisterin unseres Sports und als eine Persönlichkeit, die auch im DTTB-Dress unserer Sache Ehre machte.“

Auch DTTB-Präsidentin Claudia Herweg hatte eine besondere Beziehung zu Diane Schöler. „Diane hat meinen ersten Nachwuchskader-Lehrgang im Westdeutschen Tischtennis-Verband geleitet und von da an – über Jahrzehnte – habe ich sie immer als Vorbild betrachtet, als Frau, als Mensch, als Tischtennis-Liebende. Mein Beileid gilt ihrem Ehemann Eberhard sowie ihren Kindern Cindy und Christian!“

Zum 14. Geburtstag hatten sich die Zwillinge Fahrräder gewünscht – und bekamen Tischtennisschläger: Auftakt ihrer fantastischen Karriere

Diane und Rosalind Rowe, so der Mädchenname der in England geborenen Zwillinge, galten als Wegbereiterinnen für Frauen im Sport, standen für die junge Generation mit fortschrittlichen Ansichten und Mut zur Meinung. Ihr sportlicher Erfolg allein im Doppel – sie erreichten zwischen 1951 und 1955 fünf Mal in Folge das Finale – ist ein Rekord, der immer noch Bestand hat.

Die Archivarin des englischen Tischtennis-Verbands, Diane Webb, erinnert sich an die Anfänge der beiden: „Zwei aufgeregte 14-jährige Zwillinge erwachten am Weihnachtsmorgen 1947 in der Hoffnung, sie bekämen Fahrräder geschenkt, und waren etwas enttäuscht, als sie ‚nur‘ Tischtennisschläger erhielten. Die Enttäuschung währte nicht lange, denn schon bald schlugen die beiden Teenager, die Rechtshänderin ‚Ros‘ und die Linkshänderin ‚Di‘, einen Ball über den Esszimmertisch hin und her“, so Webb. „An jenem Weihnachtsmorgen wäre es unvorstellbar gewesen, dass sie weniger als drei Jahre später zum ersten Mal Weltmeisterinnen sein würden, und am 14. April 1954, auf den Tag genau an ihrem 21. Geburtstag, dem Tag ihrer Volljährigkeit, Titel Nummer zwei holen würden.“ Und das 1954 auch noch in der Wembley-Arena, in der die „Rowe twins“, wie sie damals überall genannt wurden, ein echtes Heimspiel hatten. Schließlich waren sie im Londoner Stadtviertel Marylebone geboren worden, nur eine halbe Autostunde von Wembley entfernt. Die Zwillinge hatten die Herzen der Zuschauer im Sturm erobert, die sie frenetisch auch im einzigen rein englischen Finale im Damen-Doppel der Tischtennis-WM-Geschichte gegen Kathy Best und Ann Haydon-Jones in einem wahren Herzschlagfinale mit 19:21, 21:10, 21:19 und 22:20 unterstützten. Das „Märchen von Wembley“ war geboren, wie Historiker den 54er-Triumph beschreiben.

Nationales Turnier-Finale 1950 in der Royal Albert Hall vor Prinz Edward

Die ersten Erfolge der Teenager-Zwillinge schon vor der WM hatten nach ihrem Einstieg in den Sport mit 14 Jahren nicht lange auf sich warten lassen. So gewann Diane im Frühjahr 1950 das Daily Mirror National Table Tennis Tournament im Mädchen- und im Damen-Einzel. Die Endspiele wurden in der Royal Albert Hall vor 4.500 Zuschauern im Beisein von Prinz Edward ausgetragen, dem Herzog von Kent und aktuell ältesten lebenden Mitglied des britischen Königshauses, und im Fernsehen übertragen. Eine von Dianes Siegprämien war der Anspruch auf kostenloses Training. So wurde Victor Barna ihr Coach und in diesem Zuge natürlich auch der Rosalinds.

Der 22-fache Weltmeister aus Ungarn, der Anfang der 1950er-Jahre englischer Staatsbürger wurde, verbesserte der Spiel der beiden, die schon zuvor sehr gut gewesen waren, noch einmal beträchtlich. Vor ihrem 18. Geburtstag bereisten sie internationale Turniere in Frankreich, Belgien und den Niederlanden und wurden schließlich für die WM 1951 ins englische Nationalteam berufen. Im Konzerthaus Wien besiegten die „Rowe twins“ im Endspiel die hoch favorisierten Rumäninnen Angelica Rozeanu/Sari Szasz mit 3:2 in Sätzen.

Schaukampf vor der schwedischen Königsfamilie, Schaulaufen in Neuseeland

Die Rowe-Zwillinge wurden in der Folge nicht nur in England, sondern auf der ganzen Welt gefeiert, wurden zu wahren Superstars der 1950er-Jahre. Eine der vielen, nun folgenden Einladungen führte sie nach Schweden, wo sie gegen die damalige Königin Louise im königlichen Palast spielten mit Prinz Carl Gustaf, dem heutigen König, als Balljungen, berichtete die britische Qualitätszeitung „Independent“ im Jahr 2015 in einem Rückblick. 1952 tourten sie einen Monat lang durch Neuseeland und spielten sich auch auf der anderen Seite der Erde in die Herzen der Menschen. Die damaligen Zeitungen beschrieben, dass die Fans „an den Fensterbrettern klebten, um einen Blick auf sie zu erhaschen“. „Mit ihrem schicken Kleidungsstil, ihrem athletischen Körperbau und ihren tadellosen Umgangsformen wurden sie zu einem Begriff“, schrieb „Independent“-Autor Martin Childs.

Neue Tischtennis-Mode: „Lange Röcke sind unpraktisch“

Damals – im Zeitalter der überknielangen Röcke im Sport und Kleidung in gedeckten Farben – zu ihren umstrittenen Shorts und „bunten“ Trikots befragt, antworteten die Zwillinge: „Wir spielen gerne in kurzen Hosen. Wir fühlen uns darin wohl, und sie sehen gut aus. Lange Röcke sind unpraktisch für die schnellen Bewegungen, die beim Angriff notwendig sind.“

Ihre hohe Popularität machte ihr Trainer Barna, gleich an einer Reihe positiver Eigenschaften fest: „Sie sind beliebt, weil sie großes Talent, Kampfgeist, Persönlichkeit und Charme haben. Sie sind ordentlich gekleidet und ihr Verhalten am Tisch ist vorbildlich. Sie schreien nie, wenn sie einen Schlag verpassen, und spielen nie für die Galerie.“

Fairplay und tadelloses Benehmen

Überall, wo sie auftauchten, zogen sie die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Die “famous Rowe twins”, die berühmten Rowe-Zwillinge, waren regelmäßig Thema in Zeitungen und Zeitschriften sowie im Jahrbuch „Eagle Sports Annual“, das ihnen und dem Tischtennissport regelmäßig mindestens eine Seite widmete. Im Jahr 1955 veröffentlichten Diane und Rosalind selbst ein Buch, Titel: „The Twins on Table Tennis“.

Es war auch eine Zeit, in der es serienmäßig lange Ballwechsel gab, in der die Zuschauer Taktik und Aufbau eines Ballwechsels genau verfolgen konnten und dann einen gewonnenen Punkt als Ergebnis einer athletischen und technischen Leistung feierten“, sagte Hans Wilhelm Gäb in der Würdigung zum 90. Geburtstag der 14-fachen EM-Medaillengewinnerin in diesem Jahr. „Dass Diane Schöler damals auch für Fairplay und tadelloses Benehmen stand, ein Verhalten, das auch ihren späteren Ehemann Eberhard Schöler kennzeichnete, rundet das großartige sportliche und menschliche Bild ab.“

Länderspiele für England in dreistelliger Höhe, 70 für Deutschland

Während Rosalind Mitte der 1950er-Jahre überraschend ihren Rücktritt aus dem Nationalteam verkündete, nachdem sie bei der WM 1955 in Utrecht zusammen mit Diane Silber im Doppel gewonnen hatte, heiratete und sich mit Ehemann John Cornett ins Privatleben zurückgezogen hatte, spielte Diane viele Jahre erfolgreich weiter. Mit ihrer 1954er-Finalgegnerin Ann Haydon-Jones, die 1969 in Wimbledon das Damen-Einzel-Finale im Tennis gegen Billie Jean-King gewinnen sollte, wurde sie bei den Weltmeisterschaften 1957 in Stockholm Zweite im Doppel. 1956 in Tokio und 1959 in Dortmund erreichte sie das Halbfinale. 1962 und 1964 wurde sie an der Seite von Mary Shannon Europameisterin im Doppel.

Bis 1966 absolvierte sie für England Länderspiele in dreistelliger Höhe und nahm in dieser Zeit an elf Weltmeisterschaften teil. Anfang 1966 heiratete sie Deutschlands Besten, Eberhard Schöler, den späteren WM-Finalisten im Einzel. Erstmals im Oktober 1966 bestritt sie ein Länderspiel für die deutsche Nationalmannschaft. Es sollten 69 weitere folgen, außerdem vier WM-Starts im Trikot ihrer neuen Heimat. Am 27. April 1973 trat sie vom internationalen Leistungssport zurück, nachdem sie ihr 70. und letztes Länderspiel für Deutschland bestritten hatte.

Die Karriere nach der Karriere: Trainerin und Funktionärin

Anders als ihre Schwester Rosalind blieb Diane immer nah dran an ihrem Sport. Bis 1997 arbeitete sie als Trainerin und Damenwartin des Westdeutschen Tischtennis-Verbands. Von 1997 bis 2013 fungierte die langjährige SCI-Geschäftsführerin als Präsidentin und damit erste Frau an der Spitze des Swaythling Club International, der Vereinigung der ehemaligen Weltklassespieler, Mannschaftskapitäne und derer, die in anderer Position Großes für die Tischtennissport geleistet haben.

1993 wurde ihr vom Weltverband der ITTF Merit Award verliehen, 2001 vom DTTB der „Dr. Dieter Mauritz“-Gedächtnispreis – beide Ehrenpreise werden an Persönlichkeiten vergeben, die sich um den Tischtennissport in besonderer Weise verdient gemacht haben. Die ETTU  nahm sie 2016 in die Hall of Fame auf.

Seit ihre Schwester Rosalind am 15. Juni 2015 verstorben war, war Diane allein die älteste lebende Weltmeisterin im Tischtennis. Jetzt trauert die Tischtennis-Welt gemeinsam mit ihrer Familie um Diane Schöler. Vor 76 Jahren hatte sie erstmals zum Schläger gegriffen und war dem Tischtennissport seitdem als Spielerin, Kapitänin, Trainerin, Funktionären und Fan verbunden. Die englische Historikerin Diane Webb formuliert es trefflich: „Wir sind dankbar für die wunderbare Zeit mit ihr. Und danken Gott, dass die Zwillinge 1947 keine Fahrräder zu Weihnachten bekommen haben!“

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