„TURNIERE IN DEUTSCHLAND BEFLÜGELN UNS SPIELER“

Ovtcharov übers WTT Champions Frankfurt * * * Am Freitag sind es noch 30 Tage bis zum ersten Weltklasse-Tischtennisturnier in Deutschland seit den German Open 2020. Dazu ein Interview mit Rekord-Olympiamedaillengewinner Dimitrij Ovtcharov über den Heimvorteil der Deutschen beim WTT Champions Frankfurt, die ausgelassene EM und seine Bergläufe für Bundestrainer Jörg Roßkopf. * * *

Dimitrij Ovtcharov (c) DTTB

FRANKFURT / DÜSSELDORF. Der Countdown läuft für das Turnier-Highlight des Jahres in Deutschland. Beim WTT Champions Frankfurt in der Main-Metropole duellieren sich die weltbesten 32 Herren und 32 Damen um eine halbe Million Dollar Preisgeld und viele Weltranglistenpunkte Richtung Paris 2024.

Die Deutschen um Dimitrij Ovtcharov wollen ihren Heimvorteil nutzen. „Das Publikum in Deutschland beflügelt uns Spieler“, sagt der Rekord-Olympia-Medaillengewinner im Interview. Mit Bundestrainer Jörg Roßkopf hat Ovtcharov Sonderschichten geschoben. „Rossi hat uns echt getriezt mit hohen Umfängen am Tisch, Bergläufen und Krafttraining.“

Für die Einladung zum WTT Champions Frankfurt zählt die Weltrangliste vom 3. Oktober. Ist es für Sie ähnlich spannend wie für die Fans, wer den Sprung ins deutsche Highlight-Turnier 2023 schafft?

Dimitrij Ovtcharov: Klar, das ist bei uns in der Nationalmannschaft ein großes Thema. Wir haben einige Spieler, die auf der Kippe stehen wie Benne oder Ruwen (Erklärung: Benedikt Duda, Ruwen Filus). Timo (Timo Boll) hat die Wildcard bekommen und ist damit sicher dabei. Es ist toll, dass wir aus Deutschland so viele Spieler haben, die am Turnier teilnehmen können. Vom Niveau her ist das Turnier so stark besetzt wie eine WM.

Angenommen, Sie dürften Ihre Auslosung selbst bestimmen: Mit wem der Top 32 im Teilnehmerfeld von Frankfurt am Main möchten Sie sich unbedingt messen und warum?

Ovtcharov: Jeder Spieler, der am WTT Champions Frankfurt teilnimmt, ist extrem stark. Aktuell bin ich die Nummer neun der Welt. Wenn ich für Frankfurt den Sprung unter die Top acht bei der Setzung schaffe, hilft mir das für die Auslosung. Es ist von Vorteil, gegen Spieler wie Ma Long oder Fan Zhendong nicht gleich in der ersten Runde zu spielen. Ich würde mich aber freuen, später im Turnier auf Fan Zhendong zu treffen. Wenn ich dann gegen ihn spiele, wird das Turnier unabhängig vom Ausgang der Partie sehr gut für mich gelaufen sein.

Sie haben die Champions-Premiere 2022 in Budapest und zwei Champions-Turniere in Macao gespielt, 2022 und diesen April. Was macht für Sie den Reiz gerade dieses WTT-Turniers aus?

Ovtcharov: Der Reiz des Champions ist, dass diese 32 Spieler wirklich ausschließlich Topspieler sind wie bei einer WM. 32 Herren und 32 Damen sind insgesamt wenige Starter, dadurch ist es ein sehr konzentriertes Turnier. Wenn man sich dort durchsetzt und ein tolles Ergebnis erzielt, gibt das auf jeden Fall viel Selbstvertrauen für die kommenden Turniere. Es ist ein Riesenunterschied, so ein Turnier zu Hause zu spielen, vor deutschem Publikum.

Bedauern Sie als WM-Bronzemedaillengewinner im Doppel von Durban an der Seite von Patrick Franziska, dass das WTT Champions Frankfurt ein reines Einzelturnier ist?

Ovtcharov: Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Es lief im Einzel in Durban wirklich enttäuschend für mich, und am Ende habe ich die WM voller Stolz als Medaillengewinner im Doppel verlassen. Das war wirklich unerwartet. Von 64 Doppeln waren wir auf Position 63 gesetzt. Patrick und ich haben das Potenzial, noch stärker zu spielen, als wir das in Durban getan haben, wenn wir uns noch besser aufeinander abstimmen. Beim WTT Contender in Oman Mitte Oktober spiele ich wieder mit „Franz“ Doppel und freue mich darauf. Unser Doppel gibt uns bei Turnieren wie Olympia mehr Tiefe in der Variation, so dass wir für unsere Gegner noch schwerer auszurechnen sind.

Patrick Franziska, Dang Qiu und Sie haben auf die Team-EM verzichtet, um im Deutschen Tischtennis-Zentrum in Düsseldorf intensiv zu trainieren. Kritiker der Entscheidung behaupten, ein Jahr vorher könne man sich wohl kaum auf Olympia 2024 vorbereiten. Was entgegnen Sie ihnen?

Ovtcharov: Ich bin schon lange dabei und habe gelernt, dass es schwierig ist, es allen recht zu machen. Die EM liegt mir eigentlich sehr am Herzen. In der Mannschaft habe ich sie zehn Mal gespielt und acht Mal gewonnen. Ich habe aber auch vier Mal Olympia gespielt und glaube zu wissen, dass man die Vorbereitung auf Olympische Spiele nicht unmittelbar in den Wochen oder ein, zwei Monate vorher legt, sondern weit davor. Wenn ich mir meine Ergebnisse der letzten sechs Monate anschaue, gab es einige sehr gute Turniere mit zwei Finalteilnahmen bei WTT Contendern, es gab aber auch einige schlechte Spiele. Insgesamt war die Konstanz nicht so, wie ich sie mir vorstelle. Das Niveau reicht nach meinen persönlichen Ansprüchen nicht aus, um sich bei Olympia in eine Position zu bringen, von der aus man sowohl im Einzel als auch in der Mannschaft um Medaillen kämpft. Meine Performance reicht im Moment nicht. Da muss ich mich einfach steigern.

Durch meine lange Verletzungspause habe ich fast ein Jahr lang Turniere verpasst. Danach bin ich von Turnier zu Turnier geflogen, um in der Weltrangliste nicht komplett abzurutschen. Dabei haben mir solche intensiven Trainingsphasen wie jetzt gefehlt. Gerade die brauche ich, um auf einem Niveau spielen zu können, auf dem ich jedem in der Welt gefährlich werden kann.

War der EM-Verzicht auch rückblickend die richtige Entscheidung?
Ovtcharov:

Franz“, Dang und ich haben vor zwei Monaten die European Games gespielt und souverän gewonnen. Auch ohne uns war die EM wirklich toll anzusehen. Timo war vorher lange verletzt und konnte ein Malmö Spielpraxis sammeln. „Benne“ hatte wieder die Chance, bei einem großen Turnier im Vordergrund zu stehen, und ein junger Spieler wie Kay Stumper konnte bei einer EM das Halbfinale und Finale spielen. Wenn bei uns immer dieselben zum Einsatz kommen, wird sich ein junger Spieler wie Kay nie entwickeln können. Langfristig ist eine solche Abwechslung keine schlechte Idee, um die Jüngeren aufzubauen und den anderen die Möglichkeit zu geben, sich intensiv auf andere Turniere vorzubereiten. Wir hatten in diesem Jahr eine WM, danach die European Games und die EM. Jetzt sind es nur noch fünf Monate bis zur nächsten WM. Bis Olympia sind es nur noch zehn Monate. Für uns war es die richtige Entscheidung, dass „Franz“, Dang und ich auf die EM verzichtet haben. Ich kann aber nachvollziehen, dass es Leute gibt, die unser Fehlen kritisch sehen.

Inwiefern spüren Sie, dass die harte Trainingsarbeit bereits Früchte trägt?
Ovtcharov:

Rossi (Erklärung, Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf) hat uns die letzten drei Wochen echt getriezt. Täglich fünf bis sechs Stunden Tischtennis, dazu zweimal pro Woche Bergläufe und weitere zwei Male Krafttraining. In sieben Tagen haben wir zwölf Tischtennis- und vier Konditionseinheiten absolviert. Das ist schon ein Brett, aber ich merke wirklich, wie ich konditionell und technisch zugelegt habe. Ich fühle mich gut. Wenn ich zwei-, dreimal im Jahr solche Blöcke fahren kann, werde ich auf jeden Fall besser spielen. Ich kann dann so spielen, wie ich es mir wünsche, und nicht, wie es in den letzten Monaten war.

Was nehmen Sie sich für das erste Weltklasse-Turnier in Deutschland seit Ihrem letzten „Wohnzimmer-Event“, den German Open 2020 in Magdeburg, vor?

Ovtcharov: Die German Open waren mit Abstand mein Lieblingsturnier und das mit Abstand erfolgreichste meiner Karriere. Es gibt viele Turniere, die ich jedes Jahr gespielt habe, aber keines so erfolgreich wie die German Open. Sie habe ich dreimal gewonnen und war zweimal Zweiter. Allein Fan Zhendong habe ich zweimal geschlagen und insgesamt viele große Matches gegen die besten Spieler der Welt gemacht. Das liegt daran, dass das Publikum uns in Deutschland so unglaublich unterstützt, wir die Hallen immer vollkriegen und wir Tischtennis auf einem hohen Niveau präsentieren. Das beflügelt uns Spieler. Das hat mir in der Vergangenheit viel Spaß gemacht. Deswegen freue ich mich sehr auf Frankfurt und hoffe, an meine damaligen Leistungen bei den German Open auch hier beim WTT Champions anknüpfen zu können.

Steckbrief: Dimitrij Ovtcharov
*2. September 1988
Weltrangliste: 9 (Stand: 26.9.2023)
Spielsystem: Rechtshänder, Shakehand, Angriff
Verein: TTC Neu-Ulm

Erfolge

  • Olympische Spiele: 3. Platz Einzel 2020 und 2012, 2. Platz Team 2020 und 2008, 3. Platz Team 2016 und 2012 – gewann bislang die meisten Olympiamedaillen von allen Tischtennisspielern weltweit (6)
  • Weltmeisterschaften: 2. Platz Team 2010, 2012, 2014, 2018, 3. Platz Doppel 2023 (mit Patrick Franziska)
  • World Cup: Sieger 2017, 3. Platz 2015 und 2013
  • World Team Cup: 3. Platz 2018 und 2011
  • WTT: 1. Platz Einzel Contender Doha 2021, 3. Platz Cup Finals Xinxiang 2022, 2. Platz Contender Lagos und Amman 2023, 3. Platz Star Contender Doha 2021
  • World Tour Grand Finals: 2. Platz Einzel 2017, 2014 
  • German Open: Sieger Einzel 2017, 2014, 2012 
  • World Tour: Insgesamt: 9 x Sieger Einzel, 1 x Sieger Doppel (2007 mit Christian Süß) 
  • European Games: Sieger Einzel 2015, Sieger Team 2023 und 2019 
  • Europameisterschaften: Sieger Einzel 2015 und 2013, 8 x Sieger Team (zuletzt 2019)
  • Europe Top 16/Top 12: 5 x Sieger (zuletzt 2019) 
  • Deutsche Meisterschaften: Sieger Einzel 2014, Sieger Doppel 2010 und 2008

Event-Steckbrief WTT Champions Frankfurt 

  • Datum: 29. Oktober bis 5. November 2023 
  • Ort: Süwag Energie ARENA, Frankfurt am Main, Stadtteil Höchst 
  • Teilnehmende: je 32 Herren und Damen, die je 30 Besten der Weltrangliste plus jeweils 2 Wildcards bei Herren und Damen
  • Modus: Herren- und Damen-Einzel, K.-o.-System ab Runde 1, drei Gewinnsätze von der 32er-Runde bis einschließlich Viertelfinale, vier Gewinnsätze bei Halbfinals und Endspielen
  • Dotierung: insgesamt 500.000 US-Dollar (ca. 465.000 Euro), davon je 30.000 Dollar für Sieger und Siegerin plus 1.000 Weltranglistenpunkte
  • Online-Tickets bei Reservix

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