STARKER TIMO BOLL VERHINDERT SCHON IN RUNDE ZWEI EIN CHINESISCHES WM-FINALE

Beeindruckende Vorstellungen der deutschen Asse

HOUSTON. Timo Boll hat eindrucksvoll seine Ambitionen bei den Individual-Weltmeisterschaften im US-amerikanischen Houston unterstrichen. In Runde zwei, seinem ersten Auftritt im Einzelwettbewerb, gelang dem 40-jährigen Rekord-Europameister ein sehenswerter 4:1-Erfolg über den Chinesen Zhou Qihao, den 24-jährigen Gewinner des China-internen Olympia-Testturniers vom Sommer und Sieger der diesjährigen Saison der Chinese Super League mit Shandong Weiqiao. 

Durch seinen Sieg über Zhou verhinderte Boll nebenbei ein rein chinesisches Finale im Herren-Einzel. Zhou war der einzige Akteur aus dem Reich der Mitte in der unteren Hälfte des Tableaus. Seine vier Landsleute waren in die obere Turnierhälfte gelost worden

Qiu verpasste Sieben-Satz-Sensation gegen Liang Jingkun 

Dang Qiu, Bolls Düsseldorfer TTBL-Teamkollege und Mixed-Europameister, stand gegen den Weltranglisten-Neunten aus China, Liang Jingkun, vor dem Sensationssieg, musste sich jedoch in sieben Sätzen geschlagen geben. Nach gewonnenem ersten Satz hatte sich der gebürtige Nürtinger in Durchgang zwei sogar zwei Satzbälle erspielt, konnte diese jedoch nicht nutzen. Erst in Durchgang sieben setzte sich der WM-Dritte von Budapest, Liang, ab und feierte nach verwandeltem Matchball seinen Sieg über Qiu hoch emotional. 

Ein beachtlicher Erfolg gelang am Mittwoch Qius WM-Doppelpartner Benedikt Duda, der den 21 Ränge über ihm in der Welt platzierten Europe-Top-16-Gewinner von 2014, Marcos Freitas aus Portugal, in fünf Sätzen besiegen konnte. Ebenfalls in der Runde der besten 32 stehen nach ungefährdeten 4:0-Erfolgen Patrick Franziska, Ruwen Filus, Shan Xiaona und Han Ying. 

Ausgeschieden sind Petrissa Solja und Sabine Winter. Die amtierende Einzel-Europameisterin, Solja, unterlag der diesjährigen U21-Mixed-Europameisterin Andreea Dragoman aus Rumänien mit 3:4. Team-Europameisterin Sabine Winter konnte ihre Chancen gegen die 86 Plätze über ihr rangierende Weltranglisten-13. Doo Hoi Kem aus Hongkong beim 9:11, 9:11, 5:11, 11:6 und 8:11 nach guter Leistung nicht nutzen

Ausführliche Stimmen zu allen Spielen finden Sie auf https://www.tischtennis.de/news/die-spiele-der-deutschen-am-mittwoch-1.html.

Han, Shan und Duda gegen China in der dritten Runde 

Deutschlands im Einzel-Wettbewerb verbliebene WM-Debütantinnen Han Ying und Shan Xiaona stehen am Donnerstag in der Runde der besten 32 mit den Chinesinnen Sun Yingsha bzw. Chen Xingtong, den Nummern zwei und 15 der Weltrangliste, ebenso vor hohen Hürden wie Benedikt Duda gegen Liang Jingkun.  

Der zweifache World-Cup-Sieger Boll bekommt es mit dem 19-jährigen Singapurer Linkshänder Pang Yew En Koen, der Nummer 161 der Weltrangliste, zu tun. Franziska hofft auf eine erfolgreiche Revanche an Schwedens Truls Möregardh für die zuletzt erlittene Champions-League-Niederlage. Ruwen Filus trifft auf Polens 26-jährigen langjährigen TTBL-Profi Jakub Dyjas, der in Runde zwei überraschend den in Texas an Position zwei gesetzten Japaner Tomokazu Harimoto aus dem Turnier warf. Harimoto wäre Bolls Kontrahent im Viertelfinale gewesen.

Bundestrainer Roßkopf: „Es war ein guter Tag für uns“ 

Es war ein guter Tag für uns. Von fünf Herren sind noch vier im Wettbewerb. Das ist stark, wenn man sieht, wie viele gute Spieler hier schon verloren haben“, lautet die Bilanz des zweiten Turniertags von Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf. „Nach Timos Erfolg gegen Zhou Qihao war es ein guter Sieg von Benedikt Duda gegen Marcos Freitas. Morgen spielt er gegen Liang Jingkun, gegen den Dang Qiu ein super Spiel gemacht hat. Er hat einen Chinesen auf Topniveau in den siebten Satz gezwungen und hatte da auch noch seine Chancen.“

Boll brillierte gegen Zhou 

Doch zunächst zurück zu Timo Bolls Einzel. Von Beginn an setzte der ehemalige Weltranglistenerste seinen Gegner unter Druck. Er bewegte sich gut, riskierte erfolgreich, variierte die Rotation und scheuchte seinen Kontrahenten mit präzisen Platzierungen durch die Box.

Als Zhou Mitte des vierten Satzes erstmals richtig ins Spiel fand, war es schon halb vorbei. Nach einem Big Point von Boll zum 4:3 punktete Chinas noch unterbewertete Nummer 114 der Weltrangliste acht Mal hintereinander zum Satzgewinn. Nach wechselnden Führungen in Durchgang fünf erspielte sich der WM-Dritte von 2011 ein 9:4, doch da gelang dem Chinesen erneut durch druckvolles und trotzdem kreatives Spiel eine neuerliche Punktserie zum 10:9, bevor Boll nervenstark seinen ersten Matchball in der Verlängerung nutzen konnte und seine ihn lautstark anfeuernden amerikanischen Fans im George R. Brown Convention Center den Sieg ihres Favoriten der Herzen bejubeln konnten.

Boll: „Heute war ich sehr geschmeidig“ 

Es hat geholfen, von Anfang an Gas zu geben“, sagte Timo Boll im Anschluss. „Wenn er mal locker und im Spiel ist, wird es schwierig – deswegen wollte ich direkt fokussiert sein und auch etwas riskieren. Ich habe es geschafft, ihn immer wieder zu beschäftigen und zu verunsichern. In meinem Alter muss ich das schaffen, um gegen solche starken Gegner zu bestehen.“

Seine Form im Einzel stimmte. „Ich hatte einen guten Start, habe mich gut bewegt. Heute war ich sehr geschmeidig und es war wichtig, mir diese hohe Führung zu erarbeiten.“ Auch der Bundestrainer war voll des Lobes: „Timo hat sehr variabel und fokussiert gespielt und auch schnell – er hat die Bälle sehr früh genommen und auch die Rückhand hat gut funktioniert“, so Jörg Roßkopf. Über Zhou ergänzte er. „Timo kennt ihn noch aus der Liga und Zhous Niederlagen beim WTT-Turnier in Slowenien haben sicher auch an ihm genagt. Und dann steht da der große Timo Boll! Am Anfang hat er nach seiner Form gesucht. In den letzten Sätzen hat man dann gemerkt, dass der Chinese besser und besser wurde und da war es wichtig, dass Timo das Spiel beendet hat.“

Beim Doppel-Auftakt nicht bestechend, aber erfolgreich: Boll/Franziska

Mit seinem Auftritt im Doppel am Morgen Ortszeit war Timo Boll trotz eines Vier-Satz-Erfolges an der Seite von Patrick Franziska gegen die serbisch-slowakische Kombination Aleksandar Karakasevic/Lubomir Pistej, die Gewinner der Oman Open im vergangenen Jahr, weniger zufrieden gewesen. Wie Boll und Franziska eine Links-Rechts-Kombination, sorgte der 45-jährige Karakasevic mit der fehlenden Athletik, aber gefürchtetem Ballgefühl und der acht Jahre jüngere Pistej mit seiner teils unorthodoxen Spielweise zumindest für einige Überraschungsmomente. Nachdem Boll/Franziska nach gewonnenem ersten Satz einen 1:5- und 3:7-Rückstand in Durchgang zwei in zwei Satzbälle beim Stand von 10:8 verwandelt hatten, schlugen Karakasevic/Pistej zurück und holten sich diesen Satz mit 12:10. Die gewonnen Sätze gingen jeweils deutlich an die Deutschen, die beide wenn auch nicht mit ihrer Leistung, aber mit dem Ergebnis zufrieden waren. 

Es war ein bisschen holprig. Einen guten Rhythmus hatten wir beide nicht“, konstatierte Timo Boll nach seinem ersten Auftritt in Houston. „Wir haben uns schwergetan. Es war keine richtig gute Leistung. Wir sind aber froh, das erste Spiel gewonnen zu haben.“ In Runde zwei gegen die chinesische Kombination aus den Nummern eins und 16 der Weltrangliste, Fan Zhendong und Wang Chuqin, „haben wir auf jeden Fall Potenzial nach oben“, so Patrick Franziska. Und Boll erklärte: „Die Körperstabilität, die Schnelligkeit, die Sicherheit – das muss alles besser werden. Wir müssen gleich bei 100 Prozent sein. Es wird ein komplett anderes Spiel sein. Wir hoffen, dass wir sie auf dem falschen Fuß erwischen können, weil es hier ihr erstes Spiel ist.“

Voller Spielplan für Team Deutschland auch am Donnerstag 

Die amtierenden Deutschen Doppel-Meister, Benedikt Duda/Dang Qiu, stehen mit den Italienern Mihai Bobocica/Niagol Stoyanov ebenso vor einer lösbaren Aufgabe wie die Europameister-Kombination Petrissa Solja/Shan Xiaona gegen das italienische Damen-Duo Giorgia Piccolin/Debora Vivarelli. Die EM-Finalistinnen Nina Mittelham/Sabine Winter bekommen es mit Goi Rui Xuan/Wong Xin Ru aus Singapur zu tun.

Am Donnerstag wird auch das Mixed fortgesetzt. In der zweiten Runde kommt es zum ersten Auftritt der WM-Dritten von 2019, Patrick Franziska/Petrissa Solja, die auf die chilenischen Außenseiter Juan Lamadrid/Paulina Vega treffen. Die Mixed-Europameister Dang Qiu/Nina Mittelham bekommen es mit dem Ping-Pong-Diplomatie-Duo Lin Gaoyuan/Lily Zhang (China/USA) zu tun.