BILANZ DER EUROPAMEISTERSCHAFT

Von Warschau nach Tokio + + + EM-Bilanz: DTTB-Asse reisen mit viel Selbstvertrauen nach Tokio + + + \\ DTTB

FRANKFURT / MAIN. Deutschlands Tischtennisspieler sind heute in Frankfurt am Main, Düsseldorf und München gelandet. Bei den gestern zu Ende gegangenen Europameisterschaften in Polen gewannen sie viermal Gold in fünf Wettbewerben und dreimal Silber, stellten in beiden Einzel-Endspielen sowie im Damen-Doppel alle Finalisten und triumphierten im Mixed-Wettbewerb. Es war das beste Abschneiden des Deutschen Tischtennis-Bundes in der 63-jährigen Geschichte der Europameisterschaften. Gleichzeitig setzte das Traumergebnis von Warschau eine neue internationale Bestmarke auf diesem Kontinent. Wenige Wochen vor dem Beginn der Olympischen Spiele in Tokio waren die Titelkämpfe aber auch bedeutende Zwischenstation auf dem Weg nach Tokio. In ihrer EM-Bewertung sind sich die Bundestrainer und die DTTB-Spitze einig: „Wir nehmen viel Selbstvertrauen mit nach Japan.“

Prause: „Unsere gezielte Arbeit zahlt sich aus“

Viermal den Klang der Nationalhymne bei der Siegerehrung hören zu dürfen, gefiel auch Richard Prause. Der 53-jährige Hanauer analysiert Ergebnisse allerdings von Berufs wegen in erster Linie nüchtern und differenziert. Der Sportdirektor des DTTB und seine Bundestrainer mögen des Glanz des Medaillenspiegels, lassen sich von ihm allerdings nicht blenden. Noch wichtiger ist die Vorbereitung und Begleitung ihrer Athleten auf dem steinigen Weg dorthin. Richard Prause beschreibt das so: „“Wir hatten schon mit einer guten EM gerechnet. Aber dass wir Alicante vor drei Jahren noch toppen, das war so nicht zu erwarten – da sind auch viele Dinge positiv zusammengekommen.“ Prause weiter: „Natürlich sind wir mehr als zufrieden. Erfreulicher noch als unser Rekordergebnis ist aber für mich, dass eines erkenntlich wird: Die gezielte Arbeit aller Beteiligten über einen langen Zeitraum hinweg zahlt sich aus! Blickt man über die Medaillen hinaus, dann sieht man: Wir hatten insgesamt fünf Herren und vier Damen im Einzel unter den besten 16, das ist sehr bemerkenswert. Sabine Winter, die aus der Qualifikation kam, hat sich zudem als dritte Deutsche bis ins Viertelfinale gespielt. Das alles zeigt, dass unser Weg der richtige ist.“

Selbstvertrauen für Tokio getankt

Der Sportdirektor und sein Trainerteam besprachen noch in Warschau die Planungen für die weitere Vorbereitung auf die in wenigen Wochen beginnenden Olympischen Spiele, bei denen die Deutschen nach dem Gewinn von Team-Silber (Damen) und Team-Bronze (Herren) in Rio de Janeiro 2016 auch diesmal wieder bei der Medaillenvergabe ein Wort mitreden wollen. Prause: „Wir haben, wie erhofft, bei der EM wichtige Rückmeldungen erhalten, welche Hausaufgaben wir in den nächsten Wochen noch zu erledigen haben. Beispielsweise im Doppel, aber auch bei der Steuerung des individuellen Feinschliffs aller Spielerinnen und Spieler. Eines steht jedenfalls fest: Bei der EM haben wir noch einmal Selbstvertrauen getankt, das unsere beiden Olympiateams nun mit nach Tokio nehmen.“

Roßkopf: „Alles dafür getan, um bei Olympia gut zu spielen“
Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf ist wie Richard Prause dafür bekannt, stets das große Ganze im Visier zu haben. So auch diesmal bei den Europameisterschaften in Warschau, die der Rekordnationalspieler als Zwischenstation auf dem Weg zu noch höheren Zielen betrachtet: „Die EM war von enormer Bedeutung. Dennoch kann sie in diesem Jahr für unsere Ausrichtung und auch in der Bedeutung der Spieler nur ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Tokio sein. Die Olympischen Spiele sind nun einmal für jeden Sportler, aber auch in der öffentlichen Wahrnehmung, das noch viel wichtigere Ereignis.“

Der Olympiadritte analysierte den Gewinn der Gold- und Silbermedaille durch Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov: „Timo hat sich in das Finale gespielt. Er hat eine starke Leistung gezeigt und wurde nach dem schweren deutschen Duell gegen Benedikt Duda von Runde zu Runde besser. Er wird sich aber bis Tokio noch weiter steigern. Dima hingegen hat sich in das Finale gekämpft. Er wollte vielleicht etwas zu viel und hat in Warschau nur phasenweise sein bestes Tischtennis gezeigt. Im Training spielt er aber seit Wochen überragend und wird bis Tokio seine Bestform erreichen.“ Das Achtelfinal-Aus für den Weltranglisten-16. Patrick Franziska will Roßkopf nicht überbewertet wissen: „Sein Gegner Ionescu war herausragend, er liegt Patrick auch nicht. Davor hat er zwei gute Runden gespielt. Sicherlich hat er auch etwas an den Niederlagen im Doppel und Mixed geknabbert. Hier müssen wir im Training noch einmal etwas nachlegen und auch ein paar Wettkämpfe spielen.“

Der Trainingsschwerpunkt in den nächsten zweieinhalb Wochen vor der Abreise liegt auf der individuellen Vorbereitung jedes einzelnen Spielers. Nochmals Jörg Roßkopf: „Alle haben jetzt über Monate hinweg echt gut trainiert. Mit diesem Selbstvertrauen fliegen sie auch nach Tokio. Eines ist sicher: Die Jungs haben alles dafür getan, bei Olympia in Topform zu sein und gut zu spielen, eine Garantie gibt es aber nie. Die EM war für uns bei allen Erfolgen vor allem eine wichtige Rückmeldung, um noch einmal an den letzten Stellschrauben zu drehen.“

Schöpp: „Eine Einzel-EM, bei der wir als Team gesiegt haben“
Angesichts von Goldmedaillen in allen Wettbewerben, an denen deutsche Damen beteiligt waren, fiel die EM-Bilanz der üblicherweise eher konstruktiv-kritisch analysierenden Bundestrainerin Jie Schöpp diesmal rundweg positiv aus: „Viel besser kann man nicht mehr spielen, als es uns diesmal gelungen ist. Es war die beste EM aller Zeiten. Ich freue mich sehr über dreimal Gold und zweimal Silber und möchte ein riesiges Lob an alle meine Mädels aussprechen. Wir haben, auch wenn es eine Einzel-EM war, hier als Team gesiegt. Das Ergebnis ist eine super Basis für die Olympischen Spiele. Wir können nun mit viel Selbstvertrauen nach Tokio fliegen. Persönlich freue ich mich auch darüber, dass bei dieser EM diesmal Einzel-Gold dabei war, das hatte noch gefehlt.“

Gelungene Generalprobe und gutes Omen für Tokio

Michael Geiger, der Präsident des Deutschen Tischtennis-Bundes, hofft nun in Tokio auf den Warschau-Effekt: „Die EM war die Art von gelungener Generalprobe, die wir uns nach der langen wettkampffreien Zeit und vor den Olympischen Spielen erhofft hatten.“ Heike Ahlert, die Vizepräsidentin Leistungssport des DTTB, blickte ebenfalls über das Rekordergebnis der deutschen Mannschaft hinaus: „Unsere Bilanz ist die beste aller Zeiten, das ist herausragend. Aber nicht nur die Medaillengewinner haben überragend gespielt. Die Erfolge sind auch ein Produkt des guten Teamgeistes, der in der Mannschaft herrscht. Das Abschneiden von Warschau gibt Rückenwind und ist hoffentlich ein gutes Omen für die Olympischen Spiele in Tokio!“