„ES WAR TURBULENT“

Hüben wie drüben \\ FC

Markus Feulner (c) 1. FC Köln

KÖLN. Er schmierte einst neben Bastian Schweinsteiger am Frühstückstisch seine Marmeladenbrötchen. Er wurde zweimal Deutscher Meister – und stieg dreimal ab. Als junger Spieler begab er sich mit dem 1. FC Köln auf eine Berg- und Talfahrt, als gestandener Profi jenseits der Dreißig betrat er mit dem FC Augsburg internationales Parkett. Im Gespräch schwelgt Markus Feulner in Erinnerungen an die Zeit am Geißbockheim und in der Fuggerstadt.

Wie ein Film läuft der Nachmittag des 23. Mai 2015 vor Markus Feulners geistigem Auge ab. Es ist der 34. Spieltag der Saison 2014/15, ein bewölkter Samstag in Mönchengladbach. Der FC Augsburg führt im Borussia-Park gegen Gladbach mit 3:1, als um 17.22 Uhr der Schlusspfiff ertönt. Feulner, dessen Augsburg-Trikot vom Schweiß durchnässt ist, hält inne, Sekundenbruchteile bloß. Dann steht fest, dass Schalke beim Hamburger SV verloren und Augsburg die Königsblauen in der Tabelle noch überholt hat. Ein rot-grün-weißer Jubelsturm bricht los. Augsburg ist Fünfter und direkt für die Europa League qualifiziert. Spieler, Trainer und Betreuer feiern mit den mitgereisten FCA-Anhängern. „In Europa kennt uns keine Sau“ hallt es minutenlang durch das Stadion. 

Niemand hatte uns vor der Saison zugetraut, dass wir in der Tabelle vor Schalke und Dortmund landen und in den Europapokal einziehen würden“, erzählt Feulner, der nach dem Gladbach-Spiel gemeinsam mit seinen Teamkollegen ausgelassen feiert. Von den etlichen Litern Bier, die in der Nacht auf Sonntag in einer Diskothek in Augsburg die Kehlen herunterflossen, rühren wohl auch Feulners Erinnerungslücken. „Es war feucht-fröhlich. Und das völlig zurecht. Ich weiß nicht mehr viel“, sagt er lachend. „Aber es war definitiv so, dass es der eine oder andere zu dem Termin am nächsten Tag nicht geschafft hat.“

An besagtem Sonntagvormittag sind die Straßen in Augsburg brechend voll. 7.000 Menschen füllen den Rathausplatz und warten auf ihre Helden, von denen die meisten sichtlich angeschlagen, aber dennoch heiter auf dem Rathausbalkon auftauchen. „Der Europapokal-Einzug ist in der Stadt bis heute in aller Munde“, erzählt Feulner stolz. „Im Alter von 33 Jahren mit Augsburg die Europa League erreicht zu haben, hänge ich in meiner Karriere sehr hoch.“

Internatskumpel Schweinsteiger

Feulners Aussage mag ein wenig überraschen, denn er wurde mit dem FC Bayern und Borussia Dortmund jeweils Deutscher Meister, doch häufig spielen durfte er nicht. „Meine sportlichen Qualitäten habe ich in Augsburg deutlich besser einbringen können. Das ist mir mehr wert als Titel“, erklärt der Mittelfeldspieler, der in der Nachwuchsabteilung des FC Bayern ausgebildet und 2001 als Kapitän der U19 gemeinsam mit Philipp Lahm deutscher A-Juniorenmeister wurde. Für die Bayern erzielt der Lockenkopf als 20-Jähriger auch seinen ersten Profitreffer – in der Champions League 2002 gegen den RC Lens. Im selben Jahr debütiert Bastian Schweinsteiger, mit dem Feulner im Internat des FC Bayern viel Zeit verbrachte, für den deutschen Rekordmeister in der Bundesliga. Doch anders als Schweinsteiger, der den Durchbruch bei den Münchenern schafft, deutscher A-Nationalspieler wird und die Titelblätter renommierter deutscher Sportzeitschriften ziert, kommt Feulner beim FC Bayern nur sporadisch zum Einsatz. 

Basti und Philipp haben Bilderbuchkarrieren hingelegt, weil sie über viele Jahre hinweg auf extrem hohem Niveau herausragende Leistungen gebracht haben. Aber es steht nirgendwo geschrieben, dass das bei jedem so klappt“, sagt Feulner. „Ich durfte 2003 die Meisterschaft miterleben. Das war großartig. Aber danach war für mich als junger Spieler vor allem wichtig, regelmäßig zu spielen, um mich weiterzuentwickeln und zu reifen.“

Im Januar 2004 liegt dem deutschen U21-Nationalspieler ein Angebot des 1. FC Köln vor. „Ich habe mich mit FC-Manager Andreas Rettig getroffen und wir hatten sehr gute Gespräche.“ Feulner unterschreibt beim FC, obwohl sich der Club im Abstiegskampf befindet. „Ich habe in Köln gute Möglichkeiten gesehen, regelmäßig zu spielen. Ich wusste, dass der FC ein toller Verein mit einem großen Namen und einem fantastischen Publikum ist. Was wollte ich als junger Spieler mehr?“

Klassenerhalt und Aufstieg im selben Jahr

Feulner etabliert sich schnell beim FC, steht in der Rückrunde der Spielzeit 2003/04 häufig in der Startelf, kann den dritten Abstieg der Vereinsgeschichte aber nicht abwenden. Zur Zweitliga-Saison wird Huub Stevens als Nachfolger des freigestellten Trainers Marcel Koller am Geißbockheim präsentiert. Unter dem Niederländer kommt Feulner nur auf 13 Einsätze – auch wegen Verletzungsproblemen. „Als junger Spieler war ich manchmal etwas uneinsichtig, wollte vor allem nach Verletzungen zu schnell zu viel“, gibt Feulner zu, der im Frühjahr 2005 trotz einer nicht vollends auskurierten Entzündung ins Training einsteigt. „Am nächsten Tag konnte ich nicht richtig laufen, weil es sich wieder stärker entzündet hatte.“ 

Stevens erfährt davon und knöpft sich seinen Schützling vor. „Ich weiß noch genau, wie er zu mir kam und sagte: ‚Markus, so machst du unter mir kein Spiel mehr in diesem Jahr. Du musst auf deinen Körper aufpassen.‘ Und er hatte recht. Ich hätte es langsamer angehen müssen.“ Als Feulner wieder fit ist, berücksichtigt ihn Stevens dennoch nicht. Stattdessen muss er in der Rückrunde bei den FC-Amateuren in der Regionalliga aushelfen. „Zunächst war ich überrascht, aber letztlich habe ich lieber 90 Minuten in der Regionalliga gespielt als maximal fünf bis zehn Minuten bei den Profis“, so Feulner, der mit den Amateuren den erhofften Klassenerhalt in der damals dritthöchsten Spielklasse schafft. 

Nach Saisonende nimmt Christoph John, Trainer der FC-Reservemannschaft, Markus Feulner beiseite. „Er kam zu mir und fragte: ‚Weißt du eigentlich, wieso du bei mir spielst?‘ Und ich so: ‚Ne.‘ Daraufhin sagte er: ‚Huub Stevens hat mich gefragt, welchen Spieler ich gerne hätte. Und ich habe mich für dich entschieden.‘“ Feulner ist von Johns Worten damals angetan. „Das hat mir gezeigt, dass er mich wirklich wollte. Er war überzeugt davon, dass ich dem Team helfen würde, den Abstieg zu verhindern. Und wir haben es auch geschafft.“

Auch den direkten Wiederaufstieg in die Bundesliga kann Feulner im Sommer 2005 feiern. Da Stevens seinen Vertrag auflöst, übernimmt Uwe Rapolder. Unter dem neuen Trainer ist Feulner im offensiven Mittelfeld gesetzt, ehe ihn Mitte Oktober ein Kreuzbandriss lange außer Gefecht setzt. „Das war eine schwierige Zeit für mich. Ab dem Tag der Diagnose habe ich alles dafür gegeben, möglichst schnell auf den Platz zurückzukehren.“ Doch erst im April 2006, am 28. Spieltag, ist es soweit. Zu diesem Zeitpunkt ist der FC Tabellenletzter. Zwar holt die Mannschaft in den verbleibenden sieben Partien elf Punkte und Feulner ist mit vier Scorerpunkten Leistungsträger, doch der Aufschwung kommt zu spät und der FC steigt als Vorletzter ab. „Der Verein, die Stadt, die Fans – das alles war wunderbar. Doch es war auch sehr turbulent. In der Führungsetage gab es viel Unruhe.“ Koller, Stevens, Rapolder, Latour. Vier Trainer binnen zweieinhalb Jahren sind für den FC tätig. „Es war kaum möglich, in Ruhe etwas zu formen. Jeder Trainer hatte seine eigene Spielidee“, sagt Feulner, ohne die Zeit beim FC missen zu wollen. „Den Trubel miterlebt zu haben, war sehr lehrreich.“

Europapokal gegen Liverpool

Nach dem Abstieg 2006 wechselt Feulner ablösefrei nach Mainz. Dort spielt er unter Jürgen Klopp, der ihn 2009 auch zu Borussia Dortmund lotst. Mit den Dortmundern wird er 2011 Deutscher Meister, schafft aufgrund von Verletzungsproblemen aber nicht den Durchbruch. Es folgen drei Jahre beim 1. FC Nürnberg, ehe er sich im Sommer 2014 dem FC Augsburg anschließt. „Mein Ziel war es, nochmal Europa anzugreifen“, sagt Feulner scherzhaft. Vor der Saison als Abstiegskandidat gehandelt, wird Augsburg unter Trainer Markus Weinzierl Fünfter. „Das war ein sensationelles Jahr. Wir haben attraktiven Fußball gespielt.“

In der Spielzeit 2015/16 sorgt der FCA mit leidenschaftlichem Fußball auch in der Europa League für Furore und erreicht die K.o.-Phase. Im Sechzehntelfinale trifft der FCA auf den FC Liverpool. Feulner steht im Hinspiel 90 Minuten auf dem Feld, die Partie endet 0:0. Selbstbewusst reisen die Augsburger eine Woche später an die Anfield Road. Feulner aber sitzt nicht mit im Flieger, liegt stattdessen mit einem Jochbeinbruch im Krankenbett und verfolgt am Fernseher, wie seine Teamkollegen 0:1 verlieren.

2017 beendet Feulner seine Profikarriere, spielt anschließend aber noch zwei Jahre lang für die U23 des FCA – bis zu seinem 37. Lebensjahr. „Das hat wahnsinnig Spaß gemacht. Ich bin dem Verein sehr dankbar dafür.“ Mittlerweile ist Feulner Co-Trainer der Augsburger U19, demnächst will er die Trainer A-Lizenz machen. „Es macht mir Riesenfreude, den jungen Spielern meine Erfahrungen weiterzugeben.“ Trotz seiner Aufgaben beim FCA verfolgt Feulner nach wie vor auch die Geschehnisse beim FC. „Ich hoffe, dass beide Vereine früh den Klassenerhalt sicher haben. Für große Sprünge nach oben wird es vermutlich nicht reichen, aber einen Platz im Mittelfeld der Tabelle traue ich beiden Teams zu.“